Meine Glossen

für die Landshuter Ausgabe der Münchener Abendzeitung

 

Die Drei-Generationen-Pizza

 

Pizza, so ein Allerweltsgericht! Der Hefeteig ist für meine Freundin Ursula kein Problem. Sie macht ihn praktisch aus dem Handgelenk. Von ihrer Oma hat sie noch das blecherne Einhand-Mehlsieb, da passt ein halbes Pfund Mehl rein, das sie in die braune Bunzlauer Schüssel siebt, die sie von ihrer Mutter geerbt hat. Dazu kommt nach Augenmaß ein halbes Packerl Trockenhefe. Ein wenig Zucker dazu, damit die Hefe was zum Schlecken hat und wachsen kann. Eine gute Prise Salz fehlt noch. Genauso wie ein Ei und ein Schuss Milch, aber nicht kühlschrankkalt, sondern mit ein wenig heißem Wasser aus dem Hahn temperiert. Ursulas Anteil an der drei-Generationen-Pizza sind ihr Handgelenk und der hölzerne Kochlöffel, mit dem sie alles gut abschlägt. Den nackerten Teigbatzen bedeckt sie mit einem Handtuch, denn er mag sich nicht beim Gehen zuschauen lassen. Nach einer halben Stunde hat er’s geschafft. Aber Ursula drückt den Teig wieder gnadenlos zusammen und walkt ihn zu einem dünnen, runden Fleck aus. Den schutzt sie in eine runde, flache Backform und jetzt ist es kein Kunststück mehr. Auf ein paar Löffel rote Tomatenpampe legt sie Fundstücke aus dem Kühlschrank wie Salami, Oliven und Käse, streut Chiliflocken drüber und schiebt die Pizza in den Ofen. Wenn’s gut riecht, ist sie fertig. Buon appetito!

 

Europa

 

 

Europa ist ein heißes Thema. Damals, als die junge phönizische Königstocher am Stand mit ihren Freundinnen spielte – was denn, zum Sandburgen bauen waren sie sicher schon zu groß – sah Zeus von oben runter und entflammte für sie. Dazu verwandelt er sich in einen Stier, einen schneeweißen Stier, der das Mädchen freundlich ansah. Die junge Europa wollte auf ihm reiten, aber ihre Freundinnen rieten ab. Weil aber der Stier so brav vor ihr auf die Knie ging, stieg sie auf, hielt sich an den Hörnern fest und los ging’s, hinein ins Meer. Als der Stier keinen Grund mehr unter den Hufen spüte, schwamm er, er schwamm weit, er schwamm lang, bis endlich Berge aus dem Meer auftauchten, es war die Insel Kreta. Europa war total erschöpft, sie bekam nichts mehr mit, auch nicht, dass der Stier sich in Zeus zurückverwandelte und sie zu der Höhle trug, die einmal sein Kinderzimmer gewesen war. Seine Mutter Rhea hatte ihn dort versteckt, damit ihn sein Vater Chronos nicht fraß, so wie er es mit allen seinen Kindern gemacht hatte. (Ja, die Zeit knabbert heute noch an uns, wenn wir älter werden.) Jedenfalls tat sich Zeus nun keinen Zwang mehr an und umarmte Europa. Danach ließ er Schafskäse, Brot und Oliven kommen. Es schmeckte Europa. Neun Monate später bekam sie einen kleinen Sohn, aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

Flohmarkt-Glück

 

Lang hält es Ursula auf dem Flohmarkt nimmer aus. Fürs Auto hat sie gottseidank einen schattigen Parkplatz gefunden, aber auf das Gelände wird bald die Sonne gnadenlos runter brennen. Es sind schon viele Leute unterwegs. Eine Gruppe junger schwarzer Frauen mit Kindern stehen im Weg und freuen sich an ihrem Wiedersehen. Ursula freut sich auch, denn sie ratschen und lachen, streicheln liebevoll die Kleinen und bewundern ihre kunstvollen Frisuren, die mit Zöpfchen, Büschelchen und Perlen geschmückt sind. 

Manchmal findet man auf dem Flohmarkt ja gar nichts und fragt sich, warum die Leute so viel Glump anbieten, altes Plastikgeschirr oder absolut geschmacklose Klamotten. Ihr Blick streift jedoch gewissenhaft die Bücherkisten. Es gibt Kochbücher noch und nöcher, Romantisches zum Abwinken und allzuviel Beliebiges. Aber heute hat Ursula Glück: Sie findet ein Taschenbuch mit Märchen aus Australien und eins mit Geschichten aus dem Heimatdorf von Rafik Schami. Bestes Lesefutter! Echtes Futter gibt’s gegenüber, nämlich günstigen frischen Spargel. Danach kauft sie einer älteren Frau ein Stück Rührkuchen mit Nussfüllung ab. An einem Stand mit Handarbeitszeug findet sie zwei Ledernadeln, 1m Meter Hosengummi und ein paar Knäuel Baumwollgarn. Hochzufrieden packt Ursula ihre Beute ein und fährt wieder heim in ihre kühle Wohnung.

 

 

Ursula und die Ursulinen

 

Meine Freundin Ursula fühlt sich den Ursulinen zugeneigt. So heißt auch die derzeitige Ausstellung im Kloster der Ursulinen in Landshut: Zugeneigt.

Ursula kennst sich mit ihrem Namen aus. Ursa, das ist die Bärin, die am Himmel steht, zusammen mit dem kleinen Bären. Sie werden auch der große und der kleine Wagen genannt.

Die heilige Ursula jedoch, eine bretonische Prinzessin, zog mit ihren 11.000 Freundinnen, alles Jungfrauen wie sie, nach Rom. „Was, so viele?“, frag ich. „Sei nicht kleinlich“, sagt Ursula.

 

„Sie haben den Papst besucht. Danach sind sie mit dem Schiff wieder heimgefahren, außen rum durchs Mittelmehr und die französische Küste hoch. In einer Nacht hat Ursula schlecht geträumt, nämlich, dass man sie umbringen würde. „Nein“, sag ich. „Doch“, sagt Ursula. „Sie hätten nicht in Köln vorbei schauen sollen. Dort waren gerade die Hunnen. Der hunnische Prinz hat sich sofort in Ursula verliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Den sie aber ablehnte, weil er ein Heide war. Da hat er sie mit einem Pfeil erschossen.“ „So kann’s gehen“, sag ich. „Und was ist mit den 11.000 Jungfrauen passiert? Wahrscheinlich sind sie alle Märtyrerinnen geworden.“ „Es werden wohl ein paar übrig geblieben sein“, meint Ursula, „sonst hätten sie später keinen Ursulinen-Orden gründen können. Oder so.“ 

 

 

Auf dem Freitagsmarkt

 

Es ist Freitag, und der Kühlschrank ist noch voll. Blöd, weil Ursula dann keine Ausrede hat, um auf den Markt zu gehen. Und es ist voll was los auf dem Landshuter Freitagsmarkt. Da wurlts vor Leben und Lebensmittel und auch von Leuten, die man trifft und mit denen man ratschen kann. Aber, wiegesagt, der Kühlschrank ist voll mit guten Sachen und es ist Zeit, sie zu verbrauchen. Weil Ursula gerade gefrühstückt hat, hat sie nicht mal Hunger. Sie braucht nichts vom Markt, rein gar nichts.

Aber wer sagt denn, dass sie daheim bleiben muss? Pah! Nur, wenn Ursula es nicht bald packt, wird der Markt wieder arg voll und das Parken noch schwieriger, als es eh schon ist, ein rechtes G‘schäß. Genau so wie das Anstellen. Schlangen bilden sich vor den Metzgern, den Käse- und Gemüseständen und denen der Bäcker.

 

Niemand steht grad vor der Vitrine mit den Bio-Truthähnen. Doch, ein altes Paar. Die lassen sich von der Händlerin ein ganzes Paket Truthahn-Krägen geben. Das sind ganz schöne Trümmer. Ursula kann sich nicht zurückhalten und fragt: „Was macht’s ihr denn damit?“ „Suppe“ ist die Antwort. Aha! „Ja, ist ganz was Feines.“ Auch wenn Ursula keinen Hunger hat, Truthahnkragen-Suppe muss sie kochen und anschließend den Kragen fieseln. Es ist ein bissl ein mühsames Geschäft, aber sehr befriedigend.