Meine Glossen

für die Landshuter Ausgabe der Münchener Abendzeitung


Im Biergarten

 

So viele Fliegen gibts gar nicht mehr, dass der ältere Herr einen Bierdeckel auf sein Weißbier-Glas legen müßte. Gerade wird ihm sein Schweinebraten serviert. „So, der Herr!“ Dann wickelt er das Besteck voller Vorfreude aus der Papierserviette, steckt sie sich in den Hemdkragen und greift an. Genießerisch schiebt er die erste Gabel unter seinen Schnurrbart. Einige Gäste, die wie Ursula noch nichts bekommen haben, schauen ihm aus den Augenwinkeln zu, während ihnen das Wasser im Mund zusammen läuft. Ja, Ursula liebt diesen Biergarten.

Ein paar Spatzen tschilpen und hüpfen im Kies herum. Die älteren Herrschaften sitzen lieber im Schatten unter den Kastanien, Jüngere gerne in der Sonne. Man kennt sich, man begrüßt sich. Platzlich hört Ursula einen Hund laut bellen, erschrickt und zischt heftig. Das Herrchen befielt dem Kläffer Ruhe zu geben. Eine Dame erklärt, er würde doch nur sein Revier unterm Tisch verteidigen. Aber bald hört man wieder wohliges Stimmengemurmel  und das Lachen eines Babys. Ursula entspannt sich. Ja, sie fordert sogar zwei Damen auf, die sich suchend umschauen, doch Platz an ihrem Tisch zu nehmen. Dann hat Ursula keine Zeit mehr zum Beobachten, denn die flinke Bedienung bringt ihr das Bratl. Es schmeckt unglaublich gut, und das Biergartenglück ist vollkommen. 

 


Ursula

 

Meine Freundin Ursula ist vor gut 10 Jahren isarabwärts gezogen, von München nach Landshut. „Was hat dir auf Anhieb am besten gefallen?“ hab ich sie gefragt. Ursula muss nicht lange überlegen: „Dass alle bairisch reden. Da hab ich mich gleich zugehörig gefühlt“, sagt sie. „In München schaun sie dich an, als seist du auf der Brennsuppn daher gewommen, isaraufwärts sozusagen. Direkt ausm Wald oder runter vom Acker.“ Aber sie kenne schon auch ein paar sehr nette Menschen, die die von weiter oben herkämen, aus Franken oder noch weiter. „Da schau her“, sag ich, „und was hat dir in Landshut noch gefallen?“ Sie sagt, dass es die Ampeln seien, die ein bisschen langsammer umschalten, und die Leut sich deswegen nicht so hetzen müssten. „Ja“, sag ich, „aber dafür müssen sie auch länger warten, bis es grün wird.“ „Schon wahr,“ meint Ursula. „Aber das ist doch nicht schlecht. Man kann sich umschauen, in der Altstadt die schönen Fassaden und die Bäume bewundern.“ „Aber es gibt doch keine Bäume in der Altstadt“, sag ich. Ursula nickt. „Das ist das einzige, was mir in Landshut nicht gefällt. Ich hab mal gelesen, man könne eine Patenschaft für einen Baum im Kübel übernehmen. Gilt das noch?“ Das wüßte ich auch gern.

 


 

Die Fischtreppe

 

„Sie, entschuldigen’s, wo geht’sn da hinauf?“, fragt ein Fisch einen anderen. Es ist eine Bachforelle, die zu ihrem Laichgebiet will. Es pressiert, die Eier drücken schon. Der Lärm des Wasserfalls am Ludwigswehr ist fischohrenbetäubend. Da muss sie hin- und her schwanzeln, in der Zeichensprache der Amphibien, die auch der andere Fisch versteht, eine amerikansche Regenbogenforelle. „Come on!“, sagt sie und schwimmt wieder ein kleines Stück isarabwärts. Rechterhand beginnt eine Treppe, da gehts in niedrigen Stufen und von einem Gitter geschützt, aufwärts. Vögel oder Katzen können hier nix rausholen. Bald erreichen sie das Ende der Fischtreppe und spüren wie der Sog einer Schneckenturbine sie direkt weiter befördert. Alle Achtung!, denkt die Bachforelle, das hat eine gewisse biologische Durchgängikeit und ist sehr fischfreundlich. Die beiden gelangen unbeschadet ins freie Wasser. Bald wird die Isar paradiesisch, frisch und fröhlich fließt sie durch den Auwald. Die Bachforelle kann unbeschadet weiter schwimmen, begleitet von der amerikanischen Regenbogenforelle, oder wird sie eher verfolgt? Ja, denn diese reißt das Maul auf – I want you, honey - und will sie schlucken. Schließlich soll die Regenbogenforelle wachsen, damit die Angler, die sie eingesetzt haben, ihrerseits eine Freude haben.

 

 


 

Fleischeslust

 

Ursula war als Kind eine Fleischkatz. Es kam leider nur selten auf den Tisch, und dem Vater gehörte den Löwenanteil. Damals bekam man beim Metzger ein Radl Gelbwurst über die Theke gereicht. Das ist auch heute noch so. Aber keinen Leberkäs. Den aßen nur die Großen. Er lag auf einem weißen Pappendeckel, daneben eine dünne Papierserviette, auf die man seine Breze oder Semmel legen konnte. In Landshut gibt es heute noch Metzgereien, in denen Ursula ihren Leberkäs so essen kann. Der süße Senf ist obligatorisch. Sie speist genüsslich und beobachtet dabei die Kunden, was sie so bestellen. Überhaupt, hier gibt es unglaublich viele Metzger. Einer ist bekannt für seine Würstl vom Grill, kurz und dick mit  knusprig brauner Haut, ein anderer für seine feinen Wiener und die dünnen Weißwürstl, die es auch bei der Würstl-Susi gab. Sie geht Ursula noch heute ab, die Susi. Für sie gibt’s keinen Ersatz. Ein anderer Metzger ist ein richtiger Delikatessenladen, wieder andere sind deftig und niederbayrisch. Manche haben sich sogar biologisch und tierwohlig spezialisiert. Fleisch wird lt. Lexikon definiert als „weiche Teile von Säugetieren und Vögeln“. Da haben wir sie, die Schweine und Rinder, die Lämmer, Gickerl, Gänse und Enten. Und jetzt geht das Grillen wieder los. Man kriegt richtig Lust, Fleischeslust.

 

 


 

Innere Kinder 

 

Meine Freundin Ursula hat so ein verzogenes Inneres Kind. Alle Erwachsenen haben Innere Kinder, auch wenn sie nicht auffällig sind. Manch so ein inneres Kind rührt sich gar nicht, weil es weder ernst- noch wahrgenommen wird. Und mein inneres Kind? Es ist nicht gerade auf den Mund gefallen ist und kann durchaus sagen, was es will und was nicht. Es herrscht gerade Badewetter, also will es baden. Verständlich! Aber es will in der Isar baden. Das sei doch viel schöner, quengelt es, und auch Ursulas Inneres Kind findet das und stampft mit den Füßen auf. Ursula kriegt Kopfweh. Wir gehen gerade an der Kleinen Isar entlang, dort wo so eine Art Strand ist. „Da könnt ihr rein“, geben wir klein bei, „aber nur mit den Füßen. Baden ist verboten.“ Das glauben sie nicht, unsere Inneren Schratzen. „Warum?“ Wir bemühen uns um stichhaltige Gründe. „Da sind so Keime drin“, sag ich. Ursula sagt: „Wenn man die schluckt, kann man krank werden und Durchfall kriegen.“ Aber weil unsere Inneren Kinder körperlos und keimfrei sind, können sie auch keine kriegen. Ursula und ich lassen sie also nach Herzenslust plantschen bis sie blau sind und schnattern. Dann müssen unsere ineeren Kinder wieder raus. Anschließend gehen wir miteinander zur nächsten Eisdiele und schlecken Erdbeer-Maracuja-Vanille-Schoko.

 

 


  

Das kleine Glück

 

Wer will denn schon einen Sechser im Lotto? Soviel Geld ist kein Glück, es bringt nur Sorgen. Nein, das kleine Glück ist angesagt. So etwas wie warme Socken an den kalten Füßen, das kann sehr beglückend sein. Ein Parkplatz im Schatten, sodass sich das Auto nicht in einen Backofen verwandelt, gehört dazu. Frisches, gutes Brot zum Frühstück und zur Brotzeit eine resche Breze, vielleicht noch mit Weißwürst und süßen Senf, aber das ist schon fast übertrieben. Der Balkon kann eine Quelle des kleinen Glücks sein: den Bohnen beim Klettern zuschauen, Schnittlauch, Dill und Rauke aus dem Kasten ernten und an den Geranienblüten rumzupfen. Man kann dabei die Schwalben beim sturzfliegen beobachten und ihr lustvolles Kreischen hören. Ein anderer Vogel, eine Mönchsgrasmücke, tirilliert unglaublich ausdauernd und laut, wenn sie in einem Baum in der Nähe sitzt. Das ist ein kleines Glück, das manchmal aushalten braucht. Vor allem, wenn es still ist, weil die verflixten Rasenmäher ringsum eine Ruhe geben. Überhaupt, weniger ist mehr! Man kann eine einzige Kugel Eis voll Genuss und Andacht schlecken. Am liebsten Malaga oder Torroncino, oder doch beides? Beglückend sind auch die ersten Kirschen oder Erdbeeren, Spargel sowieso und ein Video vom Großneffen für seine alte Tante, auf dem er zum ersten Mal lächelt.


 

Die Drei-Generationen-Pizza

 

Pizza, so ein Allerweltsgericht! Der Hefeteig ist für meine Freundin Ursula kein Problem. Sie macht ihn praktisch aus dem Handgelenk. Von ihrer Oma hat sie noch das blecherne Einhand-Mehlsieb, da passt ein halbes Pfund Mehl rein, das sie in die braune Bunzlauer Schüssel siebt, die sie von ihrer Mutter geerbt hat. Dazu kommt nach Augenmaß ein halbes Packerl Trockenhefe. Ein wenig Zucker dazu, damit die Hefe was zum Schlecken hat und wachsen kann. Eine gute Prise Salz fehlt noch. Genauso wie ein Ei und ein Schuss Milch, aber nicht kühlschrankkalt, sondern mit ein wenig heißem Wasser aus dem Hahn temperiert. Ursulas Anteil an der drei-Generationen-Pizza sind ihr Handgelenk und der hölzerne Kochlöffel, mit dem sie alles gut abschlägt. Den nackerten Teigbatzen bedeckt sie mit einem Handtuch, denn er mag sich nicht beim Gehen zuschauen lassen. Nach einer halben Stunde hat er’s geschafft. Aber Ursula drückt den Teig wieder gnadenlos zusammen und walkt ihn zu einem dünnen, runden Fleck aus. Den schutzt sie in eine runde, flache Backform und jetzt ist es kein Kunststück mehr. Auf ein paar Löffel rote Tomatenpampe legt sie Fundstücke aus dem Kühlschrank wie Salami, Oliven und Käse, streut Chiliflocken drüber und schiebt die Pizza in den Ofen. Wenn’s gut riecht, ist sie fertig. Buon appetito!

 


Europa

 

 

Europa ist ein heißes Thema. Damals, als die junge phönizische Königstocher am Stand mit ihren Freundinnen spielte – was denn, zum Sandburgen bauen waren sie sicher schon zu groß – sah Zeus von oben runter und entflammte für sie. Dazu verwandelt er sich in einen Stier, einen schneeweißen Stier, der das Mädchen freundlich ansah. Die junge Europa wollte auf ihm reiten, aber ihre Freundinnen rieten ab. Weil aber der Stier so brav vor ihr auf die Knie ging, stieg sie auf, hielt sich an den Hörnern fest und los ging’s, hinein ins Meer. Als der Stier keinen Grund mehr unter den Hufen spüte, schwamm er, er schwamm weit, er schwamm lang, bis endlich Berge aus dem Meer auftauchten, es war die Insel Kreta. Europa war total erschöpft, sie bekam nichts mehr mit, auch nicht, dass der Stier sich in Zeus zurückverwandelte und sie zu der Höhle trug, die einmal sein Kinderzimmer gewesen war. Seine Mutter Rhea hatte ihn dort versteckt, damit ihn sein Vater Chronos nicht fraß, so wie er es mit allen seinen Kindern gemacht hatte. (Ja, die Zeit knabbert heute noch an uns, wenn wir älter werden.) Jedenfalls tat sich Zeus nun keinen Zwang mehr an und umarmte Europa. Danach ließ er Schafskäse, Brot und Oliven kommen. Es schmeckte Europa. Neun Monate später bekam sie einen kleinen Sohn, aber das ist eine andere Geschichte.


 

 

Flohmarkt-Glück

 

Lang hält es Ursula auf dem Flohmarkt nimmer aus. Fürs Auto hat sie gottseidank einen schattigen Parkplatz gefunden, aber auf das Gelände wird bald die Sonne gnadenlos runter brennen. Es sind schon viele Leute unterwegs. Eine Gruppe junger schwarzer Frauen mit Kindern stehen im Weg und freuen sich an ihrem Wiedersehen. Ursula freut sich auch, denn sie ratschen und lachen, streicheln liebevoll die Kleinen und bewundern ihre kunstvollen Frisuren, die mit Zöpfchen, Büschelchen und Perlen geschmückt sind. 

Manchmal findet man auf dem Flohmarkt ja gar nichts und fragt sich, warum die Leute so viel Glump anbieten, altes Plastikgeschirr oder absolut geschmacklose Klamotten. Ihr Blick streift jedoch gewissenhaft die Bücherkisten. Es gibt Kochbücher noch und nöcher, Romantisches zum Abwinken und allzuviel Beliebiges. Aber heute hat Ursula Glück: Sie findet ein Taschenbuch mit Märchen aus Australien und eins mit Geschichten aus dem Heimatdorf von Rafik Schami. Bestes Lesefutter! Echtes Futter gibt’s gegenüber, nämlich günstigen frischen Spargel. Danach kauft sie einer älteren Frau ein Stück Rührkuchen mit Nussfüllung ab. An einem Stand mit Handarbeitszeug findet sie zwei Ledernadeln, 1m Meter Hosengummi und ein paar Knäuel Baumwollgarn. Hochzufrieden packt Ursula ihre Beute ein und fährt wieder heim in ihre kühle Wohnung.

 


 

Ursula und die Ursulinen

 

Meine Freundin Ursula fühlt sich den Ursulinen zugeneigt. So heißt auch die derzeitige Ausstellung im Kloster der Ursulinen in Landshut: Zugeneigt.

Ursula kennst sich mit ihrem Namen aus. Ursa, das ist die Bärin, die am Himmel steht, zusammen mit dem kleinen Bären. Sie werden auch der große und der kleine Wagen genannt.

Die heilige Ursula jedoch, eine bretonische Prinzessin, zog mit ihren 11.000 Freundinnen, alles Jungfrauen wie sie, nach Rom. „Was, so viele?“, frag ich. „Sei nicht kleinlich“, sagt Ursula.

 

„Sie haben den Papst besucht. Danach sind sie mit dem Schiff wieder heimgefahren, außen rum durchs Mittelmehr und die französische Küste hoch. In einer Nacht hat Ursula schlecht geträumt, nämlich, dass man sie umbringen würde. „Nein“, sag ich. „Doch“, sagt Ursula. „Sie hätten nicht in Köln vorbei schauen sollen. Dort waren gerade die Hunnen. Der hunnische Prinz hat sich sofort in Ursula verliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Den sie aber ablehnte, weil er ein Heide war. Da hat er sie mit einem Pfeil erschossen.“ „So kann’s gehen“, sag ich. „Und was ist mit den 11.000 Jungfrauen passiert? Wahrscheinlich sind sie alle Märtyrerinnen geworden.“ „Es werden wohl ein paar übrig geblieben sein“, meint Ursula, „sonst hätten sie später keinen Ursulinen-Orden gründen können. Oder so.“ 

 


 

Auf dem Freitagsmarkt

 

Es ist Freitag, und der Kühlschrank ist noch voll. Blöd, weil Ursula dann keine Ausrede hat, um auf den Markt zu gehen. Und es ist voll was los auf dem Landshuter Freitagsmarkt. Da wurlts vor Leben und Lebensmittel und auch von Leuten, die man trifft und mit denen man ratschen kann. Aber, wiegesagt, der Kühlschrank ist voll mit guten Sachen und es ist Zeit, sie zu verbrauchen. Weil Ursula gerade gefrühstückt hat, hat sie nicht mal Hunger. Sie braucht nichts vom Markt, rein gar nichts.

Aber wer sagt denn, dass sie daheim bleiben muss? Pah! Nur, wenn Ursula es nicht bald packt, wird der Markt wieder arg voll und das Parken noch schwieriger, als es eh schon ist, ein rechtes G‘schäß. Genau so wie das Anstellen. Schlangen bilden sich vor den Metzgern, den Käse- und Gemüseständen und denen der Bäcker.

 

Niemand steht grad vor der Vitrine mit den Bio-Truthähnen. Doch, ein altes Paar. Die lassen sich von der Händlerin ein ganzes Paket Truthahn-Krägen geben. Das sind ganz schöne Trümmer. Ursula kann sich nicht zurückhalten und fragt: „Was macht’s ihr denn damit?“ „Suppe“ ist die Antwort. Aha! „Ja, ist ganz was Feines.“ Auch wenn Ursula keinen Hunger hat, Truthahnkragen-Suppe muss sie kochen und anschließend den Kragen fieseln. Es ist ein bissl ein mühsames Geschäft, aber sehr befriedigend.